8
Jul
2009

Wieder da

"Life continues to be very irritating"...habe ich in einem älteren Beitrag gelesen. Nun, was damals stimmte ist heute nicht weniger wahr, insofern und als Mittel der eigenen Seelenhygiene werden die skurrilsten Erlebnisse ab sofort wieder gebloggt. Frei nach dem Motto: stay sane!

6
Okt
2006

Tragikkomische Polizeiarbeit

Kennt Ihr Steel schon? Was der Mann so raushaut, das ist ganz ganz großes Kino! 10 von 10 Punkten! Mehr geht nicht.

Steel ist Polizist, Notrufe entgegen zu nehmen ist Teil seines Jobs und was er da so erlebt, mitunter, das protokolliert er in seinem Blog.

Was Steel zu erzählen hat und wie er das tut ist einfach sensationell. Großartig geschrieben und zum Teil brüllend komisch, auch wenn einem mitunter das Lachen im Hals stecken bleiben möchte, angesichts der Dramen, die dahinter zum Vorschein kommen.

Aber um die eigentlichen Notfälle geht es nicht, Steel will niemanden bloßstellen und keine Sensationslust befriedigen. Steel schildert das Absurde, die alltägliche Realsatire. Und das tut er mit einer Schreibe, als wäre er in Wirklichkeit ein versierter Drehbuchautor. Meine Verbeugung, Herr Polizist!

Reinklicken und lesen!

Danke an Christian fürs verlinken.

5
Okt
2006

lizzas diaries

Samaná, Dominikanische Republik, 05. 10. 1993

Die Bar von Tom und Pete. Treffpunkt für Aussteiger, El Dorado der Gestrandeten, der großen und kleinen Abenteurer und Möchtegern Geschäftsmänner, die den Weg zurück nicht mehr finden. Erste Adresse für Touristen auf der Suche nach Kontakten und Seglern, die sich, gelangweilt von der Routine des täglichen Müßiggangs, nachmittags zur happy hour einfinden.

Traurige Geschichten machen hier die Runde, Geschichten von Betrug, von Korruption, vom Scheitern großer und kleiner Träume mitten im Paradies. Wie die von Tom, der 40.000 Dollar verloren hat bei dem Versuch, eine Pizzeria in Samaná aufzumachen. Die story gibt er täglich zum besten, irgendwer findet sich immer der sie noch nicht kennt und auch die, die sie schon gehört haben, kommen immer wieder in den Genuss. Die Zuhörerschaft spaltet sich für gewöhnlich in zwei Lager: die leicht irritierten Besucher und die ortsansässigen Ausländer, von denen jeder einen Ausschnitt seiner eigenen Geschichte in Toms Erzählung wiederfindet.

Recht scheint tatsächlich ein etwas dehnbarer Begriff hier zu sein, Recht hat der mit den besten Kontakten, der den Richter schmiert und der Polizei Rum ausgibt.

Roger ist der erste, er kommt immer schon am Morgen. Roger, der fettleibige Vietnamveteran, der seine schmale Rente in Bier umsetzt und dessen vernebelte Gedanken elliptische Kreise ziehen, von Vietnam nach South Carolina und wieder zurück in die Hölle von My Lai. Gegen fünf Uhr nachmittags, wenn die Sonne langsam ihre Kaft verliert, dann stellen sich auch die anderen ein, um sich bei einem kühlen Bier von der Langeweile des Tages zu erholen. Und um dem Meruenge zu entfliehen, der allgegenwärtigen Bedröhnung, die jedem Ausländer früher oder später die Nervenbahnen wundscheuert.

Bei Pete und Tom dröhnt guter alter Rock dagegen an, lassen die beruhigenden Klänge von Led Zeppelin, Dire Straits und Neil Young vergessen, wo man eigentlich ist. Und wenn sich dann der Alkohohl über die Gemüter gelegt hat und die guten dominikanischen Zigarren qualmen, dann sind sich plötzlich wieder alle einig:

„Schön hier, was?“

„yeah, it´s a great place, almost paradise, Samaná!“

1993-Samana-002

2
Okt
2006

Nachwuchshelden

Mein Sohn ist unter die Fußballer gegangen und damit sind sie also endgültig vorbei, die süßen, selbstbestimmten Zeiten. Statt ausgedehnter, sonntäglicher Frühstücksorgien verbringe ich meine Wochenenden jetzt in zugigen Vorstadtstadien, in denen total hysterische Väter den Spielfeldrand dominieren und die Tatsache, dass überaus seriös pfeifenden Linienrichter mit schöner Regelmäßigkeit das Spiel unterbrechen und in die Knie gehen, um der ein oder anderen 1.20 m hohen Sturmspitze die Schnürsenkel zu binden, außer mir niemand zum schreien komisch findet. Der Trainer der gegnerischen Mannschaft brüllte seinen sechsjährigen Nachwuchstalenten letzte Woche unentwegt zu: "LOS MÄNNER!!!! GEBT ALLES!!!!!!" ...und mein Sohn findet das alles toll!

Und er isst seit neustem mit großem Enthusiasmus morgens Haferbrei und kontrolliert abends beim Zähneputzen vor dem Spiegel, ob diese Maßnahme schon zu größeren "Muskelbergen" am Oberarm geführt hat. Und Mädchen findet er voll zickig. Nur Sarah nicht, in die ist er verliebt. Das wissen aber seine Kumpels nicht, weil die finden alle Mädchen total plöt. So könne man das jetzt aber auch wieder nicht sehen, findet er, es sei halt einfach so, dass Mädchen und Jungs ebend verschieden sind: "Mädchen sind halt schlau und Jungs stark, kann man nichts machen, Mama". Und Leonard, der ist übrigens voll oberkacka und darum hat er den gestern auch, nur ganz aus Versehen versteht sich, umgeschubst.

Mit anderen Worten: meine von allen Gender-Kategorien total befreite Erziehung trägt erste Früchte, ihm mit zwei Jahren eine Puppe geschenkt und das Lackieren der Fingernägel mit drei nicht verboten zu haben, hat sich total voll ausgezahlt. Wer also immer noch behauptet, Männer und Frauen seien in ihrem Verhalten genetisch determiniert, der...der...der hat recht...

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30
Sep
2006

Lizzas Borderline-Syndrome, Folge 1

Neulich in der Schlange an einer Kasse bei Karstadt. Klein Lizza tief in wiedersprüchliche Gedanken versunken.

Brüsk aus dieser Beschäftigung gerissen und in die nicht minder wiedersprüchliche Wirklichkeit zurückgeholt durch das empörte Gezeter eines sich hinter ihr befindlichen Herrn mittleren Alters. Hutträger. Geschenkeumtauscher.

Während nach und nach die Erkenntnis in ihr reift, dass erstens das Gezeter ihrer Person gilt und sie zweitens beschuldigt wird, eben jenen Herrn Hutträger mittleren Alters gerade fürchterlich angerempelt zu haben, so sehr, dass ihm, wie er ihr brüllend erklärt, um ein Haar sämtliche zum Umtausch vorgesehenen Gegenstände aus der Hand gefallen wären, namentlich ein Buch, auf dessen Rücken in ordentlichen Reihen aufgestellt, etwa ein Dutzend sehr kleiner, sehr leichter Plastiktiere stehen, stehen wohlbemerkt, wie Lizza verwirrt bemerkt, nicht eines auch nur umgefallen durch ihre Rempelattacke...

...während unsere verstörte Protagonistin also noch damit beschäftigt ist, die verwirrend komplexe Situation zu erfassen, sieht sie auch schon ihre rechte Hand nach vorne schnellen, Daumen und Mittelfinger zu einem angriffslustigen Kreis geformt, sieht eben jenen Mittelfinger im nächsten Moment beherzt von unten gegen das Buch schnipsen und dann hört sie sich dem aprupt verstummten Hutträger - und noch während die bunten Plastiktierchen fröhlich in alle Himmelsrichtungen davonfliegen - sehr ruhig und dabei freundlich lächelnd erklären: "Wissen Sie, ich finde JETZT HABEN Sie Grund zu schreien."

29
Sep
2006

Reminder!

Trink Frozen Daiquiris nicht wie Erdberlimo!

Knutsch nach dem Trinken zuvieler Frozen Daiquiris keinen guten Freund!

Hör nach dem Trinken zuvieler Frozen Daiquiris und dem Knutschen eines guten Freundes keine Schmalzmusik!

Vergiss diesen reminder beim nächsten Mal!

28
Sep
2006

Ein bischen Einsatz muss schon sein....

Sie haben Arbeit? Das ist gut. Eine feste Stelle? Wunderbar.

Sie wissen, was Sie können und sind sich sicher, Sie machen einen verdammt guten Job? Sie tragen Verantwortung, zeigen Engagement und Teamgeist, feiern niemals krank, treiben Projekte durch Kreativität und analytisches Denkvermögen voran und halten Zielvorgaben ein? Nie würde es Ihnen einfallen, einen wichtigen Geschäftstermin nach Feierabend nicht wahrzunehmen, oder eine spät angesetzte Besprechung vorzeitig zu verlassen, nur weil Ihre Frau Karten fürs Theater oder Ihr Sohn Geburtstag hat, kurzum, Sie identifizieren sich seit Jahren in außerordentlichem Maße mit ihrer Tätigkeit und den Zielen Ihres Unternehmens und genau dieser Einstellung haben Sie es zu verdanken, dass Sie inzwischen außertariflich bezahlt und in gehobener Position beschäftigt werden?

Das ist gut.

Aber: es reicht nicht, reicht definitiv noch lange nicht.

Denn was wird Ihr Vorgesetzter bei der alljährlich durchgeführten Mitarbeiterbeurteilung seinem, von all diesem Einsatz gänzlich unbeeindruckten Kollegen antworten, auf die Frage: "Jaha, aber hat der denn dieses Jahr überhaupt schon Urlaub verschenkt?"

Na? Na?

25
Sep
2006

Neulich nachts in der psychiatrischen Notaufnahme

Life continues to be very irritating. Zum Glück aber - und der Gedanke ist irgendwie beruhigend - besitze ich mitnichten die Exklusivrechte an überaus verstörenden Alltagserlebnissen. Nein, nein, ganz im Gegenteil, auch andere Menschen finden sich mit schöner Regelmäßigkeit in Situationen wieder, auf die sie nichts und niemand vorbereitet hat und für deren Bewältigung eigentlich keine Strategien zur Verfügung stehen. Und zu diesen Leuten gehört auch meine gute Freundin S., seit vielen Jahren schon tapfere Mitstreiterin in der Schlacht ums tägliche Überleben.

"Hören Sie Stimmen?" "Wie bitte?" Fassungslos hielt sie mitten im schönsten Heulkrampf inne, schaute entgeistert hoch und suchte das verschlafene Gesicht des diensthabenden Arztes nach Resten von gesundem Menschenverstand ab. Nach einem Hauch von wenigstens durchschnittlich ausgeprägtem Einfühlungsvermögen. Das Mindeste, wie sie fand, was man in ihrer, durchaus als verzweifelt zu bezeichnenden Lage, von einem Mann in seiner Position erwarten konnte. Nichts geringeres, schließlich, als ein ausgewachsener, von der Welt gefälligst ernst zu nehmender Nervenzusammenbruch, hatte sie nachts um drei in das, in sattem Zahnbelagsgelb gehaltene Zimmer der psychiatrischen Notaufnahme und direkt vor seinen Schreibtisch gespült. Aber nicht sie war plötzlich übergeschnappt, nein, das Leben selbst hatte wieder einmal beschlossen, vollkommen durchzudrehen.

Die bereits schulpflichtge Tochter hatte Windpocken, ihr gerade den Windeln entwachsener Sohn Bronchitis, der dazugehörge Gatte zeigte die vertrauten Anzeichen von Überforderung und ihr fünf Jahre jüngerer Vorgesetzter keinerlei Verständnis für familiäre Ausnahmesituationen. Sie hatte seit Wochen selbst eine Erkältung und sich standhaft geweigert, das alarmierende Zucken im rechten Augenlied wahrzunehmen. An Schlaf war seit Tagen nicht zu denken gewesen und nun war es einfach passiert, das System hatte auf Error geschaltet, war runtergefahren und hatte sie einigermaßen hysterisch zurückgelassen.

Na ja, zugegeben: reichlich hysterisch zurückgelassen. Sie brauchte ein Schlafmittel, ein Bett, jemanden der ihr beruhigend übers verwirrte Köpfchen strich, ebenso überzeugend wie unbewiesen kund tat, dass die Welt morgen schon wieder ganz anders aussieht, der noch einmal die frisch gestärkte Bettdecke über ihr glatt zupfte und für heute das Licht ausmachte. Mit anderen Worten: sie brauchte eine Auszeit und sie hörte definitiv absolut überhaupt keine Stimmen. Hatte dieser langhaarige Assistenzarzt das denn nicht kapiert? Leider nicht. "Ich meine", fuhr dieser in verstörendem Plauderton fort, "hören Sie in Ihrem Innern vielleicht irgendwelche Stimmen oder...bekommen Sie gar Befehle von außerhalb?"

Es war einfach nicht zu fassen. Wann immer sie meinte, die Dinge glitten ihr über das vertraute Maß hinaus aus der Hand und sie drohte in einem Meer absurder Unübersichtlichkeiten unterzugehen...sie traf garantiert auf einen, der noch ein wenig verwirrter war als sie selbst. Warum war das eigentlich so, warum nur kam dieses ganze Leben wie ein einziger beschissener Kalauer daher? Und so fügte sie sich auch diesmal in das Unabwendbare, seufzte resigniert, beugte sich über den Schreibtisch, schaute den jungen Mann durchdringend an und antwortete mit der wahnsinnigsten Stimme, die sie im Repertoire hatte: "Sie haben vollkommen Recht. Ich höre Stimmen. Gerade jetzt besonders deutlich. Besonders böse. Und sie raunen mir unentwegt ins Ohr: Tööööööööööööööööööte ihn!"

Dann stand sie auf und ging nach Hause. Ausschlafen.

Karma im Koma

"Ferschterlisch! Forschbaar! Wisse Sie, immer wenn isch komm, dann heule die Leut!"

Genau SO hat mich seinerzeit niemand geringers als der Bestattungsunternehmer, der gerade unter größter Anstrengung meine frisch gestorbene Mutter die enge Stiege im Haus meiner Eltern hinuntergetragen und in sein Auto gewuchtet hatte, stoßseufzend von seiner bemitleidenswerten, seelischen Verfassung in Kenntnis gesetzt - was mich wiederrum wie ferngesteuert dazu veranlasst hatte, diesem sichtlich verzweifelten Herrn verständnisvoll tröstend auf die Schulter zu klopfen.

Dieses Ereignis jährt sich dieser Tage zum sechsten Mal und bis heute kann ich nicht fassen, dass mich das Leben nicht mal an einem solchen Tag mit seinen realsatirischen Details verschont hat. Bischen mehr Pietät hätte ich diesem Dasein schon zugetraut, oder ist das zu viel verlangt? Vielleicht ist das ja mein Karma. Irgendeine Rechnung aus dem vorvorletzten Leben...

24
Sep
2006

Total Tolle Titel

In meinem Kiez ist der Wahnsinn ausgebrochen! Irgendeine irre Form der Dichter-Demenz! Ich nenns mal das "Rudis-Reste-Rampe" Syndrom. Und dass die Skala nach oben offen ist, das weiß ich, seit ich gestern an einem neuen Friseurgeschäft vorbeigeradelt bin, welches in großen Lettern - schwarz auf rot - quer über die ganze Hausfront seine "...alles ab 10 Euro!" Leistungen unter dem unfassbaren Unsinnslabel HAUPTSTADT HAARE feilbietet. Ich meine, bitte, bei aller Liebe zur Alliteration, gehts noch? Hauptstadt Haare? Und auch noch für 10 Euro? Wie billig gäbe es denn dann die alternative Vorstadt Frisur? Für wieviel wären ein prachtvoller Provinz Pony, oder gar ein paar lustige Land Locken zu haben? Na? Na?

22
Sep
2006

Schön ist anders, aber....

Heute auf den Tag vor 15 Jahren: Ankunft in Berlin! Inzwischen sieben mal umgezogen und seit drei Jahren zum Entsetzten meiner stylischen Freunde gestrandet in Alt-Tempelhof, ein von jeder hysterischen Hauptstadtneurose unberührter Kiez jenseits des S-Bahnrings. Kultfaktor gleich Null, stattdessen gediegenes, westberliner Kleinbürgertum. Land der Kasupkes und Patulskes, der Hundebesitzer und Kleingarten-Kollonisten. Hier wohnt der Vermieter mit im Haus, kehrt der Hauswart beim ersten Schneefall den Bürgersteig frei, ist das Treppenhaus mit rotem Teppich ausgelegt und trägt die Kirche im nahe gelegenen Park den Vornamen Dorf. Die Mieten sind günstig, die Häuser alt, die Räume hoch und das Kopfsteinpflaster in den Seitenstraßen unterzieht jeden Stoßdämpfer einer maximalen Belastungsprobe. Entlang des Tempelhofer Damms sorgen Woolworth, Kamps, Schlecker & Co. für uniformierte Einkausftristesse, während sich jenseits der Manteuffelstraße Aldi, Lidl, Plus und Kaufland weiter auf die Distrubution ihrer Billig- und Billigstprodukte spezialisieren. Es überlebt der Einzelhandel in Form von "Heizungs-Grassow" und "Fahrrad-Müller" und eine Institution der Westberliner Off-Kultur, die Ufa-Fabrik, hält die Fahne alternativen Lebens weiter oben. Und ich liebe diesen Kiez weil er so schön scheußlich ist. So völlig stinknormal. So irgendwie authentisch and down to earth und weil er gar nicht erst so tut als ob. Hier wird kein "Business" gemacht, keine "Lounge" eröffnet und kein Weltstadtflair verbreitet. Das alles gibt’s drei U-Bahnstationen weiter. Hier wird gewohnt, werden Kinder großgezogen und der Sonntag nachmittag mit den Nachbarn im Britzer Garten verbracht. Und da sitzen wir dann, auf der hundescheiße freien Wiese, die Journalistin, der Kameramann und die Designerin, zwischen Kaspukes und Patulskes, schauen unserem Nachwuchs beim Spielen zu und reden: übers Business, die neu eröffnete Lounge in Mitte und den Weltstadtflair am Potsdamer Platz....

14
Aug
2006

Day by day, in every way, I am getting better and better

Mein Freund Karl kümmert sich jetzt um seine inneren Konzepte. Das weiß ich, weil ich war gestern mit ihm aus. Er sei unheimlich erleichtert, hatte er mir zwischen zwei Kristallweizen erklärt, seit er mithilfe seiner Strukturberaterin herausgefunden hat, dass er sich im Grunde seines Herzens für vollkommen wertlos hält. Es ginge ihm jetzt wirklich viel besser, denn nun müsse er sich und allen anderen endlich nichts mehr vormachen. Hätte ja schließlich auch vorher nichts gebracht, denn egal wie sehr er er sich auch abgestrampelt hatte, am Ende eines Tages und im Grunde seines Herzens...genau: wertlos.

Petra hingegen ist nicht so leicht bereit, sich abzufinden. Neben ihrem Bett liegt eine Kladde, in die sie jeden Morgen, gleich nach dem Aufwachen und mit vom Schlaf noch etwas zittriger Handschrift „Ich bin nicht gut genug!“, „Ich bin nicht schön!“, oder auch: „Ich schaffe das alles nicht“ hineinschreibt. Diese Technik entstamme einem Buch über Selbstmotivation, welches sie gerade gelesen habe und helfe ihr, fühlte sie sich angesichts meiner erschütterten Miene genötigt zu erklären, all diese negativen Selbsteinschätzungen aus ihrem Innern raus- und endlich loszulassen. Und um ganz sicher zu gehen, dass das auch wirklich funktioniert, liest sie sich die Sätze kurz nach dem Aufstehen noch einmal vor und beginnt den Tag mit einem dreifach geschmetterten „Ich bin ein riesen Arschloch!“ „Ich bin ein riesen Arschloch!“ „Ich bin ein riesen Arschloch!“

Karin wiederrum verfolgt seit einigen Wochen eine etwas andere Strategie. Auf die Spiegel in ihrer Wohnung hat sie mit knallrotem Lippenstift in großen Lettern "JAAAAA!" gepinselt. Zu dieser Maßnahme hat ihre Heilerin ihr geraten. Jetzt kann sie sich zwar nicht mehr richtig sehen, fühlt sich dafür aber von ihrem verdeckten Konterfei um so mehr bestätigt und motiviert. Vielleicht stehen diese beiden Sachverhalte ja in einem Zusammenhang, aber das traute ich mich nicht zu sagen.

Und gerade hat Peter angerufen und unsern Joggingtermin abgesagt. Er hat dick geschwollene Knöchel, irgendetwas muss entsetzlich schief gegangen sein, bei seinem jüngst aufgenommenen, gelenkschonenden Lauftraining nach Dr. S. Um seine 90 Kilo Lebendgewicht nicht bei jedem Schritt mit voller Wucht auf die Knie zu donnern, hatte er seine täglichen Runden eine Zeitlang auf Zehenspitzen durch den Park gedreht. Denn das sei schließlich die eigentlich viel natürlichere Laufhaltung...

12
Aug
2006

Richard und Paula

Neulich fand ich im Haus meines Vaters eine alte Holzschatulle. Nichts wertvolles, ein billiges Souvenir mit einer nachcolorierten Panoramapostkarte im Deckel. Darauf Berge. Ein See. Im Innern eine Sammlung alter Knöpfe und darunter, hinter der roten Stoffverkleidung, ein Liebesbrief. Geschrieben am Weihnachtsabend 1943 von einem mir unbekannten Richard und gerichtet an meine Oma Paula, die Mutter meiner Mutter.

Zärtlich und rührend um Haltung bemüht waren diese Zeilen, von denen nur die Zeit, die seit ihrem Verfassen vergangen war, mir erlaubten, sie zu lesen. Wie sehr er jetzt gerade an sie dachte, während sie an der Seite ihres Mannes den Weihnachtsabend verbrachte. Wie er sich die Freude in den Augen ihrer Tochter - meiner Mutter – vorstellte und wie glücklich er war, über all das, was sie miteinander erleben durften. Trotz allem.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nachdem er geschrieben worden waren, hatte der Brief mir das Geheimsnis meiner Großmutter geschenkt, die gestorben war, als ich 9 Jahre alt war. Sorgfältig legte ich ihn in sein Versteck zurück, packte die Knöpfe wieder obendrauf und stellte das Kästchen ins Regal zurück. Und fragte mich, ob in 20 Jahren noch irgendjemand wissen wird, wie Schreiben mit der Hand sich anfühlt und wie das Gefühl, den Brief eines geliebten Menschen in der Hand zu halten.

20
Jun
2006

Neudeutscher Patriotismus - Szenen aus dem Alltag

Ein deutscher Frühstückstisch am Sonntagvormittag, irgendwo in Berlin. Darsteller: Mutter (39) und Sohn (6). Salbungsvolles Vortragen der deutschen Nationalhymne durch die Mutter zum Zwecke der patriotischen Nachwuchsförderung. Nachsichtiger Kommentar des jungen Zuhörers nach Beendigung der Aufführung: "Das war ganz toll, Mama, jetzt musst Du nur noch die richtge Melodie..."

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21
Mai
2006

Es war kein schöner tak

Heute hat sich mein Sohn (6) seine ersten 50 Cent verdient. Die hatte er zuvor mit mir ausgehandelt, als Honorar, für eine Geschichte, die er, wie er mir resolut erklärte, gedachte zu schreiben, wenn ich ihn denn dafür auch gebührend entlohnen würde.

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"Böse Fale" heißt das soeben fertiggestellte Erstlingswerk und beginnt mit den unheilverkündenden Worten: "es war kein schöner tak!" Natürlich gewinnt nach vielen "schrekleren" Kämpfen am Ende der Gute, übrigens ein sehr mutiger Junge, wie überraschend, von ungefär sechs Jahren. Der unendlich starke, unendlich böse Schurke wird schließlich von der Polizei abgeführt und der siegreiche Held reißt mit den Worten "Sieker! Jaaaaaa" beide Arme in die Luft!
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